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Berliner morden anders

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurzbeschreibung:

 

Berlin ist reich an menschlichen Facetten und ebenso zeigt sich die kriminelle Leidenschaft in den verschiedensten Variationen. Von amüsant bis verschlagen ist für alle etwas dabei.

 

Mit Beiträgen von:

  • Astrid Ann Jabusch
  • Anne Hassel
  • Lena Berg
  • Charlie Meyer
  • Damien Pasteur
  • Sarah Drews
  • Barbara Ahrens
  • Spunk Seipel
  • Anja Puhane
  • Eva Burandt
  • Greta R. Kuhn
  • Brigitte Vollenberg
  • Marianne Meuser
  • Martin A. Völker
  • Gabriele Nakhosteen
  • Ole Olsen
  • Hartmut Holger Kraske

 

Leseprobe:

 

Brigitte Vollenberg

 

Ein skurriles Hobby

 

Sie setzte ihre ganze Kraft ein, um ihn in die richtige Position zu ziehen. Gut, dass er direkt auf den Bauch gefallen war. Sie glaubte nicht, dass sie ihn allein hätte wenden können. Lang ausgestreckt lag er da, die Arme über dem Kopf, die Handflächen nach unten. Vorsichtig winkelte sie sein linkes Bein an. Es knackte so komisch im Gelenk. Er war auf die rechte Gesichtshälfte gestürzt. So konnte er auf keinen Fall liegen bleiben. Mit dem Gesicht zum Esstisch. Niemals.

Sie griff mit aller Kraft in seine Haare, hob das Haupt an und legte es auf der linken Seite des Gesichts wieder ab. Mein Gott, ist der Kopf schwer, dachte sie. Die Arme mussten auch noch eine Idee angewinkelt werden. Jetzt noch die Augen schließen, wenigstens das rechte. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Kunstwerk. Die Jacke war hochgerutscht. Sie zog daran. So gefiel es ihr etwas besser, sah aber immer noch faltig und unordentlich aus. Aber was war schon perfekt? Fertig, beschloss sie.

 

Die Klingelknöpfe waren in die Jahre gekommen. Zehn dreckige kleine Flächen reckten sich mir entgegen. Nur wenige Schilder trugen einen Namen. Hier musste man wissen, welche Klingel zu welcher Wohnung gehörte. Wenn man einfach wahllos schellte, nur um die erste Hürde, die große zweiflügelige Tür, zu überwinden, zog man den Unmut der Mieter auf sich. Generationen von Paketzustellern und Postboten handelten immer wieder so und machten sich von Tag zu Tag unbeliebter.

Mein Blick fiel auf ein vergilbtes Namensschild. Die Farbe des Schriftzugs war kaum noch zu lesen. Aber es musste zu der Wohnung gehören, in der die Person, der ich einen Besuch abstatten wollte, lebte.

Ich krümmte den Zeigefinger meiner rechten Hand und setzte den Knöchel auf den Klingelknopf. Einen Moment zögerte ich. Hinter mir, auf der viel befahrenen Kaiser-Friedrich-Straße, rasten mit Blaulicht und Martinshorn Rettungswagen vorbei. Dann endlich schellte ich.

Ich dachte an dreifachverglaste Fenster, die nötig waren, um die Geräusche der pulsierenden Stadt draußen zu lassen.

Meinen Körper drückte ich gegen die schwere Tür. Kurz bevor ich aufgeben wollte, gab sie nach, begleitet von einem kaum hörbaren Summen. Ausgetretene Bodenfliesen, unsachgemäß ausgebessert. Briefkästen, teilweise aufgebrochen, mit verbogenen Klappen reihten sich aneinander. Stapelweise Werbematerial ohne Bedeutung, alles Altpapier. An die Wand geheftet die Hausordnung. Wer machte sich die Mühe, in einem so abgewrackten Mietshaus eine Auflistung von Regeln aufzuhängen? Wen interessierten diese überhaupt?

Es war zugig. Direkt gegenüber dem Eingang sah ich eine Tür, ähnlich groß, ebenso vergammelt, wie die Tür, die gerade hinter mir zufiel. Nur das obere Drittel war verglast. So fiel wenigstens etwas Tageslicht in diesen tristen Eingangsbereich. Ich trat in einen Innenhof. Auf dem Boden circa einhundert Quadratmeter graue Betonsteinplatten, eine Ansammlung von Mülleimern in unterschiedlichen Farben. Dazwischen einige blaue Plastiksäcke. Es roch nach Müll und Abfall. Besonders auffällig waren die Fahrräder, die an ein Metallgestell gekettet waren. Es gab mehr Ketten und Schlösser als Räder.

Hier sollte man nicht nur einen sauberen überdachten Müllsammelpunkt einrichten, sondern auch Fahrradboxen aufstellen, dachte ich, abschließbar und wettergeschützt.

Mein Blick führte an der Hauswand entlang nach oben. Ein hundert Quadratmeter großes, azurblaues Stück Himmel wölbte sich über mir.

Der Weg im Treppenhaus in die fünfte Etage war lang. Nach fünf Treppen mit jeweils elf Stufen blieb ich stehen und musste rasten. Mein Herz raste und meine Atmung war nur noch flach. Vom Treppenabsatz konnte ich in den Innenhof schauen. Das gegenüberliegende Haus war bereits saniert. Es erstrahlte nicht nur in frischem hellen Beige, sondern hatte neue Fallrohre aus Zink, weiße Kunststofffenster und Edelstahl-Feuerleitern. Das Dach war neu gedeckt mit klassisch-roten Dachziegeln.

Nur mit viel Ruckeln und Rütteln schaffte ich es, das Flurfenster zu öffnen. Beinahe wäre die armselige Geranie, die gegossen werden musste, in die Tiefe gefallen. Mein Puls erholte sich und ich nahm mir die nächsten Treppen vor. In der vierten Etage endeten die dreckigen Fußabdrücke, die mich von der Eingangstür an begleitet hatten. Hier standen verschmutzte Arbeitsschuhe auf der Matte der linken Wohnung. Noch eine Etage, dann hatte ich es geschafft. Mein Ziel, die rechte Wohnung, in der Frau Adele Althausen wohnte. Vor ihrem Eingang sah es sauber und gepflegt aus. Auf einem weißen Herz wurden die Besucher willkommen geheißen. Ich klopfte. Die Tür stand einen Spalt breit auf. Frau Althausen war nicht zu sehen.

„Hallo, Frau Althausen!”, rief ich in die Wohnung hinein.