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 Mühlenbrock Mörderische Nachbarschaftshilfe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kurzbeschreibung:

 

In dieser kleinen Stadt ist nichts, wie es zu sein scheint. Glückliche Menschen pflegen ihre Vorgärten, das Leben ist ein niemals endender Urlaub. "Es könnte so schön sein", denkt Kommissar Mühlenbrock.

 

Wenn da nicht Alice wäre...

 

 

Leseprobe:

 

PROLOG


Kommissar Mühlenbrock streckt sich. Seit Monaten wartet er auf den beantragten, lendenwirbelgerechten Drehstuhl für seinen Schreibtisch und sein Rücken schmerzt höllisch. Die Sonne scheint hell durch die dauerblinden Revierfenster und die Zeiger der großen Bürouhr bewegen sich im Zeitlupentempo. Die Verwaltung hat ein neues Programm zur Berichtserstellung auf die Rechner gespielt und seit der Fortbildung vor drei Wochen versucht er sich damit vertraut zu machen. Nicht zum ersten Mal denkt er: „Ich bin zu alt für diesen Scheiß“, wenn die Berichtsmaske vor seinen Augen erscheint, die Felder sich aber standhaft jeder Eingabe widersetzen. Er öffnet die Schublade und liest zum tausendsten Mal die Anleitung, die er dort sicherheitshalber hineingelegt hat.
Taschendiebe, kleine Ladendiebstähle, der eine oder andere Einbruch, ab und an einen Verkehrsunfall. So hatte er sich seine Karriere bei der Polizei nicht vorgestellt. Er träumte von großen Fällen, sah sich in der Hauptrolle eines großen Kriminalfilms Menschenleben retten und böse Verbrecher der gerechten Strafe zuführen.
Stattdessen sitzt er seit Jahren in dieser Kleinstadt fest, hat sein Häuschen abbezahlt, die Kinder sind groß und seine größte Sehnsucht bezieht sich auf einen neuen Bürostuhl und den baldigen Feierabend.
Ein Klopfen an der Tür lässt ihn aufschrecken. Der Pathologe steckt seinen Kopf zur Tür herein und grinst.
„Noch Lust auf ein Bier nach Feierabend? Heute ist hier wirklich nichts los. Manchmal frage ich mich, wozu ich hier gebraucht werde.“
„Meine Rede, Karl, meine Rede. Lass mich den Mist hier nur kurz fertigschreiben, dann können wir los.“
Karl stellt sich hinter ihn und schaut ihm über die Schulter. „Ach, der Tankstelleneinbruch? Habt ihr den Täter schon?“
„War der Tankwart selbst. Ich musste ihn noch nicht einmal verhören. Er gestand, als ich zur Tür hereinkam. Langweilig.“ Er gähnt und fährt den Rechner runter. „Fertig, können wir?“
Alice sitzt zwischen den Umzugskisten und sucht den Dosenöffner. Die große Hündin und der kleine Welpe stehen winselnd neben ihr, stecken ihre Nasen so tief in die Küchenkiste, dass sie nichts mehr erkennen kann. Sie schiebt die Hundeköpfe zur Seite und wühlt ein wenig hin und her, bis ihr der Küchenhelfer in die Finger rutscht.
„Bingo“, ruft sie erfreut und füttert ihre Fellnasen ausnahmsweise vom guten Porzellan. Die Fressnäpfe müssen in einem anderen Karton sein. Dann macht sie sich an das Einräumen der Küche.
Seit sie heute Morgen mit dem Umzugswagen angekommen ist, sucht sie. Sie kann sich noch dunkel daran erinnern, dass sie sich etwas dabei gedacht hat, was in welchen Karton kommen soll. Leider hat sie diese Gedankengänge inzwischen vergessen. Dass Chaos ihr zweiter Vorname ist, weiß sie längst. Im Allgemeinen kann sie gut damit leben, hat ihr eigenes System entwickelt. Nur Umzüge sind ihr Waterloo.
Sie schließt die letzte Schranktür. Das soll für heute reichen, beschließt sie. Der Korkenzieher ist aufgetaucht, ebenso ihre Zigaretten. Bevor sie den Tag mit einem Glas Wein ausklingen lässt, ruft sie die Hunde noch zu einem Abendspaziergang heran.
Vor der Tür trifft sie zwei Männer in ihrem Alter, die sich offensichtlich nicht ganz einig sind, ob sie bei ihr klingeln sollen oder lieber nicht. Sie stellen sich als Gerd und Olav vor und wohnen mit ihren Frauen ein paar Häuser weiter.
„Kommt doch mit auf eine Runde“, lädt sie sie ein und sie zeigen ihr gerne ein paar schöne Spazierwege.
„Das ist ein ganz ruhiges Städtchen, indem du hier gelandet bist“, erzählt Gerd.
Alice lächelt.
„Wenn hier nur mal was passieren würde“, jammert Mühlenbrock nach dem dritten Bier und stößt mit Karl an.

 

 

UNKRAUT


Sie öffnet das Fenster und atmet tief durch. Der Frühling ist einem heißen Sommer gewichen. In spätestens einer Stunde wird sie das Haus verrammeln müssen, die Rollläden herunterlassen und versuchen, das Hausinnere einigermaßen kühl zu halten. Sie schlüpft in ihre Flip-Flops und nimmt die Hunde mit in den Garten. Bevor es zu heiß ist, muss sie noch die Gemüsepflanzen gießen. In den letzten Jahren war Regen ihr größtes Problem gewesen. Die Tomaten waren am Strauch verfault und die Kürbisse blieben klein und reiften nicht richtig aus. Auch dieses Jahr ist Regen ihr Problem. Es gibt keinen. Der Brunnen auf ihrem Grundstück ist fast versiegt, die Erde im Garten so staubtrocken, dass sie eine sandige Spur hinter sich herzieht, als sie den Gartenschlauch packt, das Wasser aufdreht und die widerspenstige Gummischlange hinter sich her schleift.
Noch sehen die Pflanzen gut aus. Sie gießt morgens und abends, einmal die Woche düngt sie mit Brennesseljauche, das Unkraut wird ausgerupft und als Mulchschicht zwischen die Reihen des Hochbeets gelegt.
Am Zaun ranken ihre Gurken. Sie hat es riskiert, Schlangengurken anzubauen. Als besonders kälteempfindliches Gemüse hatte sie sich in einem deutschen Sommer nicht viel davon versprochen. Aber sie gedeihen prächtig. Um sie kümmert sie sich beim Gießen zuletzt, dann kann sie direkt ein paar kleine ernten und sich mittags einen leichten Snack daraus zubereiten. Summend zieht sie den Gartenschlauch um die letzte Ecke und stockt.
Da, wo gestern noch grüne Ranken den Zaun fast unsichtbar machten, wo Blüte sich an Blüte reihte, sieht sie nur braunes Gestrüpp. Alle Pflanzen sind tot, die jungen Gurken hängen braun und schrumpelig zwischen den dürren Blättern. Sie kann es nicht fassen. Am Wasser kann
es nicht liegen. Sie nimmt sich für diesen Bereich des Gartens immer besonders viel Zeit. Doch als sie durch den Zaun blickt, wird ihr einiges klar. Das Unkraut auf der anderen Seite, das ihr lieber Nachbar dort seit Jahren sprießen lässt, sieht genauso aus, wie ihre Gurken. Alles ist vertrocknet und es hängt ein eigentümlicher chemischer Geruch in der Luft.
„Todeszeitpunkt?“ Kommissar Mühlenbrock zückt sein Notizbuch und blickt erwartungsvoll in Richtung Pathologe, der nachdenklich ein Thermometer betrachtet.
„Schwer zu sagen, die Außentemperatur entspricht fast Körpertemperatur. Aber wenn ich mir die Fliegen anschaue…“
„Hör mir mit der amerikanischen Scheiße auf, Karl“, wettert Mühlenbrock. „Heute? Gestern? Letzte Woche?“
„Gestern würde ich sagen, wenn ich mir die Fl…“ Er stockt. „Mehr, wenn ich ihn auf dem Tisch hatte.“ Er nickt seinen Mitarbeitern zu, die sich mit einem schwarzen Plastiksack nähern, steht auf und klopft sich den Staub von seinem weißen Overall.
„Todesursache?“, wettert der Kommissar weiter.
„Wenn ich ihn…“, setzt Karl an, besinnt sich dann aber unter dem strengen Blick eines Besseren. „Wahrscheinlich ist er ohnmächtig geworden und hat sich den Kopf an seinem gemauerten Grill angeschlagen. Der Schädel besteht nur noch aus Brei, da wo einst Atmung und Herzschlag gesteuert wurden. Warum er umgefallen ist, keine Ahnung.“
„Fremdverschulden?“
Es ist heiß, sehr heiß. Alle wollen schnell wieder in ihr klimatisiertes Büro. In der Hitze scheuert die Dienstmütze am Kopf. Alles fühlt sich aufgequollen an. Mühlenbrock ist gereizt.
„Kann ich nicht ausschließen, sieht aber erstmal nach einem Unfall aus.“ Karl schält sich aus seinem Overall, der an seiner feuchten Haut klebt. „Gib mir etwas Zeit für die toxikologische Untersuchung. Ich tippe eher auf Kreislaufversagen. Er war nicht mehr der Jüngste, auch wenn er es so scheinen lassen wollte. Man sagt, er hätte zwei Freundinnen. Vielleicht hat er auch einen Verstärker eingeschmissen, wer weiß?“
Mühlenbrock guckt verdutzt. „Verstärker?“
Karl dreht die Augen zur imaginären Decke und macht eine eindeutige Bewegung mit dem Becken.
Der Kommissar wird noch roter, guckt verschämt zur Seite und brummt: „Sachen gibt’s.“
Er gibt seinem Team ein Handzeichen, alles zusammen zu räumen. Er will nur noch raus aus der Hitze. Ein Beamter der Spurensicherung macht noch ein paar Fotos, dann sammeln sie die gelben Schilder ein und flüchten in ihre klimatisierten Kleinbusse.
Sie steht hinter den fast geschlossenen Rollläden und schaut sich das Schauspiel an. Ihre rechte Hand ist tief im Fell ihres Schäferhundes vergraben. Sie empfindet keine Trauer. Sie ist froh, dass er endlich weg ist, der Gurkenmörder. Sie hockt sich auf den Boden und lässt zu, dass der Welpe auf ihren Schoß krabbelt. Gedankenverloren zündet sie sich eine Zigarette an und schließt ihre Augen.
Im Revier stellt Mühlenbrock sich vor die Klimaanlage. Er schließt die Tür hinter sich und zieht alles aus, was noch einigermaßen moralisch vertretbar ist. Die Akte Depenbrock liegt hinter seinem Rücken auf dem Schreibtisch. Er positioniert den Ventilator, den er selbst gekauft hat, strategisch günstig auf seinem Schreibtisch und setzt sich an seinen vorläufigen Bericht. Sein Hirn arbeitet in der Hitze langsamer als sonst. Er liest die Aufstellung der
Spuren-sicherung, betrachtet gelangweilt die Fotografien und tippt die ersten Zeilen in das Formular ein.
Sein Telefon klingelt.
„Mühlenbrock? Ach du bist es, Karl. Und? Was gefunden? Ach? Soso. Den Verstärker also? Haha. Ein Unfall? Sicher? Okay, dann wäre das erledigt.“
Er schiebt die Fotos zusammen, irgendein Bild irritiert ihn, aber er verdrängt die Gedanken. Es ist viel zu heiß zum Denken.
„Fall abgeschlossen“, denkt er und freut sich auf den Freibadbesuch mit seinen Enkeln.
Der Pathologe näht Depenbrock nachlässig zu. „So ein Chauvi“, denkt er, „das hat er jetzt davon. Zwei Freundinnen in seinem Alter. Das konnte nicht gut gehen.“ Fast tut ihm der schlaffe Körper auf seinem Tisch leid, aber es ist viel zu heiß für Gefühle. Er wird gleich nach Hause in sein ruhiges Appartement gehen.
Sie öffnet Gerd die Tür. „Alles gut?“, fragt sie nach einem aufmerksamen Blick in sein Gesicht.
Gerd grinst. „Erwartest du jetzt Mitgefühl? Erst meine Katze, dann deine Gurken. Der Unkrautvernichter war noch fast zu gut für ihn.“