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Ostwestfalen morden anders

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ostwestfalen morden anders

Krimi-Anthologie

ISBN (Buch): 978-3-940627-18-6

Preis: € 10,00 (D); € 10,30 (A)

 

ISBN (E-Book): zurzeit nicht online

Preis: € 6,99

 

Mit Beiträgen von:

  • Bianca Schilsong
  • Anja Puhane
  • Rosemary White
  • Angelika Godau
  • Britt Glaser
  • Brigitte Stammschröer
  • Katja Angenent
  • Greta Welslau
  • Monika Deutsch
  • Charlie Meyer
  • Sarah Drews
  • Gabriele Nakhosteen
  • Franziska Franz
  • Dinah Marcus

 

 

Kurzbeschreibung:

Ostwestfalen, ein sagenumwobenes Land, Heimat der ungewöhnlichen Morde. Der rabenschwarze ostwestfälische Humor, gepaart mit der Lust ungeliebte Menschen ungewöhnlich "um die Ecke" zu bringen, lassen keine Wünsche für den Krimi-Liebhaber offen.

 

 

Leseprobe:

Dinah Marcus

 

Hoit di voor de katten, de voorn licken un achtern kratten

 

„Es tut mir Leid, Herr Beckmann, nein, das geht nicht. Das würde sie umbringen.“ Doktor Hemken to Krax sah sein Gegenüber mit einer Mischung aus Milde und verwunderter Distanz an. Irgendwie verstand er den Mann ja gut, der vor ihm saß, mit schütterem grauem Haar und vollkommen aus der Form geraten.

Hieronymus Beckmann quoll in jeder nur denkbaren Richtung wie ein Teig mit zu viel Backpulver aus dem Besucherstuhl hervor, ein typischer Fall von metabolischem Syndrom. Und ein typischer Fall von Sohn, der mit der Pflege seiner betagten Mutter überfordert war. Auch Doktor Hemken to Krax selbst war es, wenn er ehrlich hätte sein dürfen, längst leid, unter Umgehung sämtlicher Vorschriften stets neue Benzos für die alte Dame zu organisieren. Aber was sollte man machen?

Albertine Beckmann nahm das Zeug schon seit Kriegs-ende und beharrte darauf, ohne ihre kleinen Helfer des Nachts kein Auge zuzutun, wie sie es ausdrückte. Ausgedrückt hatte. Denn seit dem Tod ihres Ehemannes hatte die Seniorin keinen Fuß in die Wiedenbrücker Arztpraxis gesetzt, sondern ihren Sprössling vorgeschickt, so dass der Allgemeinmediziner stets ihm die Probepackungen der diversen Pharmareferenten mit auf den Weg ins Altenheim gab. Ob die greise Albertine überhaupt noch lebte oder nicht und ob der brave Hieronymus vielleicht gar einen schwunghaften Tablettenhandel im Darknet betrieb … Hemken to Krax wusste es nicht und wollte es im tiefsten Inneren gar nicht wissen.

Das Schicksal hatte vorgesehen, dass Albertine kurz nach dem Schlaganfall ihres Gatten einen Unfall im Haushalt erlitt, Oberschenkelhalsbruch, Krankenhaus – das Übliche. Welch ein Glück im Unglück, dass Hieronymus Beckmann in der behördlichen Altenheimaufsicht arbeitete und so ohne viel Federlesens sofort ein passendes Refugium bereitstand. Wo sich der Filius aufopferungsvoll um die Mutter bemühte, wie man annehmen konnte.

Jetzt saß Hieronymus Beckmann vor ihm und hatte ihm soeben mitgeteilt, dass er raus aus den ausgetretenen Pfaden wolle, rein ins Abenteuer. „Denn wer weiß, wie viel man noch zu leben hat, nicht wahr, Herr Doktor? Ich muss mich ändern, wenn ich nicht eines Tages einen Herzinfarkt bekommen will oder Diabetes.“

„Den haben Sie schon.“

„Jedenfalls muss alles anders werden. Ich mache mich auf meinen Weg.“

Der Arzt hatte gelächelt. „Ah, verstehe, mal wieder Urlaub mit dem Wohnmobil? Sie haben ja wirklich ein wunderbares Gefährt! Wohin soll es denn gehen? Ihre Frau Mama ist ja derweil sicher in guten Händen.“

Beckmann hatte den Kopf geschüttelt, so dass seine Wangen ins Schwingen kamen. „Nein, kein Urlaub. Ich gehe. Endgültig. Und Mutti nehme ich mit. Darum bin ich ja hier. Sie braucht einen Vorrat für mindestens ein halbes Jahr. Besser noch für ein ganzes.“

„Das geht auf gar keinen Fall, Sie müssen verstehen … das ist nicht legal. Ich komme sonst in Teufels Küche.“

„Dann kriegt sie eben nichts mehr. Ich kann mich da drüben jedenfalls nicht mehr darum kümmern.“

Hieronymus schaffte es bei diesen Worten, seinem Kinnbereich eine Art fester Konsistenz zu verleihen. Wo und was drüben war … das ging nur ihn etwas an.

Ohne Medikamente, welche unter ärztlicher Aufsicht noch monatelang die gewohnten Schlafmittel ersetzen, würde Albertine Beckmann äußerst unsanft ins Jenseits befördert, das wusste Hemken to Krax aus Erfahrung. Schon einmal hatte er miterleben müssen, wie ein süchtiger alter Herr nach plötzlichem Absetzen die gefürchteten Ausfälle des vegetativen Nervensystems erlitt. Er konnte nicht mehr richtig schlucken und nicht mehr richtig atmen, so dass am Ende Erbrochenes in der Luftröhre landete und er erstickte.

„Wie gesagt, das würde sie umbringen“, insistierte der Arzt. „Sorgen Sie dafür, dass sie einen meiner Kollegen aufsucht. Und zwar höchstpersönlich. Egal wie.“

Noch den ganzen Praxistag lang ging ihm der überraschend brüske Auftritt des Hieronymus Beckmann nicht aus dem Sinn. Als er abends auf dem Heimweg am prächtigen Fachwerkhaus Ottens vorbeiradelte, dachte er noch, wie wahr der in güldenen Lettern in die Balken geschnitzte Warnhinweis doch sein mochte von den Katzen, vor denen man hüten sollte, weil sie vorne lecken und hinten kratzen. Später vergaß er die Episode.

Aus den Augen, aus dem Sinn, noch ein wahrer Spruch, der auf die Balken ostwestfälischer Fachwerkhäuser passt und zum gemächlichen Dahinfließen des trüben Emswassers.